Vorsicht!!! Dieser Artikel wurde ZEITLICH VOR dem Bundesparteitag geschrieben und veröffentlicht. Es handelt sich um ein Journalismusexperiment. Es soll die Frage geklärt werden ob es einen Unterschied macht einen Artikel über einen Parteitag vorher oder hinterher zu schreiben.

Offenbach. Mehr als 1.000 Piraten wurden erwartet, über 1.897 waren laut Zählung vor Ort. Wir waren nicht Zeuge eines Politspektakels, sondern Zeuge angewandter direkter Demokratie, erzählt mir ein Pirat voller Stolz und Hochmut. Der Parteitag fand am Samstag, 03.12 und Sonntag 04.12 statt. Die damals so gemütliche Partei von bärtigen Nerds ist nun im Rampenlicht von TV, Rundfunk und Printmedien. Ich habe mich umgehört und versuche die neue politische Position der Piratenpartei zu sehen.

Sebastian Nerz, der Vorsitzende der Piratenpartei begrüßte alle Gäste und dankte vor allem den Organisatoren, die in diesem Jahr vor besonderen Herausforderungen standen. Bei 1.500 Personen wäre eigentlich die Hallenkapazität erreicht gewesen, dann hieß es "Kuschelrunde", denn mit so einem extremen Ansturm von Mitgliedern, Presse und Interessenten hatte niemand gerechnet. In Twitter kursierte der Begriff "Kuschelparteitag", was nicht nur die Stimmung der Teilnehmer wieder spiegelt, sondern auch zeigt, wie eng es an diesem Wochenende zugegangen ist. Die Frage, ob sich die Piratenpartei nun als Alternative zu den etablierten Parteien zeigt, konnte an diesem Wochenende nicht abschließend beantwortet werden. Man erkennt viele neue Ideen in den Ansätzen und eine punktuelle Schärfung bereits bestehender Positionen. "Das was wir können müssen wir forcieren, und das was wir noch nicht können, müssen wir lernen", sagt ein motivierter Pirat am Rednerpult. Unter tosendem Applaus wurde dem neuen Führungsteam um Sebastian Nerz der notwendige Dank erwiesen. Sie hätten es geschafft die Partei aus der Versenkung zu holen um sie in der Medienwelt zu platzieren. Größtes Augenmerk der Erfolgsstory lag definitiv auf der Belinwahl. Was dort gelungen sei, ist vorbildlich und wegweisend für zukünftige Wahlen, heißt es aus Parteikreisen.

Hinter den Kulissen waren einige Piraten mit dem Catering und Wohlergehen der Teilnehmer beschäftigt. "Wir haben hier eine Mischung aus Zeltlager, Volksfest, Lan-Party und Parteitag", meint ein Verantwortlicher. Das Essen war nicht sonderlich gut, es schmeckt trocken und irgendwie unfertig. Aber ich war ja nicht zum Genießen hier sondern um diese Partei zu beobachten. Am Nebentisch sitzt ein Besucher, der bei den SPD-Linken aktiv ist. Er hat Angst, dass die Piraten zu stark werden und Wähler aus dem sozialliberalen Spektrum abwerben könnten. Ich sehe diese Furcht als unbegründet. Das Programm der Piraten ist nach diesem Wochenende zwar geschärft, aber noch nicht eindeutig aussagekräftig. Noch immer fordert man Transparenz, definiert diese aber nur auf spezifizierte Bereiche, die eher wenig von Bedeutung sind. Transparente Notenbankpolitik und Schutz der Bürger vor Inflation und Schuldenchaos kam zwar zur Sprache, aber es gestaltet sich sehr schwierig hier auf einen Konsens zu gelangen. Es war wie so oft: In der Sache ist man sich einig, aber im Detail muss erst noch gestritten werden. Am Sonntag kam die Frage auf, wie sich die Piratenpartei stärker für wirtschaftliche und geldpolitische Themen einsetzen kann. Noch immer sind dies die Schwächen der Partei. Die zahlreich vertretenen Medien berichteten fast ausschließlich über die Piraten-Kernthemen wie Datenschutz und Internet. Andere Kompetenzen traut man der noch jungen Partei nicht zu. "Die Piraten haben einen weiten Weg vor sich, Stellung zu aktuellen globalen Entwicklungen zu beziehen", sagt mir ein Pirat im Anzug. Am Sonntag bin ich spät Abends wieder heim gefahren und nehme zahlreiche Eindrücke und keine Piraten mit ins Bett.

Die Piratenpartei steht in den Umfragen aktuell bei 6% (Deutschlandtrend); das Berliner Strohfeuer kühlt langsam ab. "Wir müssen nun versuchen mit neuen Themen und klaren Aussagen, das Niveau zu halten um es dann strategisch auszubauen", erzählt mir ein Landesvertreter.
Man hört immer wieder, dass es nicht hilfreich ist, dass die Medien immer nur von einer "Internet- und Protestpartei" reden. Die Piraten haben zwar nicht so viele Antworten, wie es Fragen gibt, aber sie haben sicherlich die Expertise und die Motivation sich zu entwickeln. Nach dem Parteitag in Offenbach stelle ich fest, dass es noch ein weiter Weg ist. Man erkennt noch nicht einmal ob der richtige Weg genommen wird. Strohfeuer entfachen erst dann ihre volle Kraft, wenn die Flammen auch auf andere Bereiche übergreifen. Sich von "einem Strohfeuer zum nächsten" zu retten ist meiner Meinung nach kein optimaler Weg. Die Presse hat über das Wochenende viele Interviews geführt. In keinem ging es um Themen zur aktuellen Lage. Zur Schuldenkrise sowie Vorbeugung zum Platzen weltweiter Spekulations- und Liquiditätsblasen haben die Piraten keine Lösung für ihre Wähler parat. Wenn die Piratenpartei auf breiteren Beinen steht und einen sozialliberalen Themenstrauß anbieten kann, dann ist sie im Parteiensystem angekommen. Ansätze hierzu sind erkennbar, weshalb der Parteitag nicht nur für bärtige Nerds ein Spektakel war, sondern auch für Beobachter. Besonderes Augenmerk legten viele Beobachter auf das Thema "bedingungsloses Grundeinkommen" worüber sehr differenziert diskutiert wurde. Es wird keine Mainstream-Lösung geben, sondern man strebe eine Piraten-Lösung an, teilt ein Antragsteller mit. Anträge dieser Coleur fanden unter den Teilnehmern große Zustimmung aber auch kritische Äußerungen. Die Piratenpartei will dafür einstehen, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Ob das Instrument dann "BGE" heißen muss ist nicht abschließend abgesegnet. Man könne sich auch ein sog. " modifiziertes Grundeinkommen" vorstellen, welches nicht bedingungslos aber an alle Bedürftigen bezahlt wird, erklärt mir ein BGE-Gegner. Man könne somit vor allem Verwaltungskosten senken und würde auch die Gängelung und Versklavung durch Hartz4 abschaffen. Der Parteitag lässt die Frage nach der Ausgestaltung offen, aber es ist definitiv klar, dass es mit der Piratenpartei ein Grundeinkommen geben wird. Damit hat sich die Partei an den beiden Tagen näher in Richtung "konkrete Lösungen, individuell ausgearbeitet" bewegt. Man wolle sich bei solchen Themen Zeit lassen um die Dinge selbst auszuarbeiten um nicht bei anderen abkupfern zu müssen, erklärt mir ein Pirat während der Antragsvorstellung.

Hinweis:
Dieser Artikel wurde am Donnerstag, 01.12.2011 geschrieben und publiziert. Der Bundesparteitag findet aber erst ab dem  03.12. statt! Ich wollte die erste sein, die über den Parteitag berichtet - die Informationen stammen alle aus meiner Fantasie. Ich gehe davon, aus dass es nach dem Parteitag viele Presseberichte geben wird. Um mich abzusetzen schreibe ich einfach den absolut ersten Bericht.

Ich freue mich wie immer über zahlreiche Kommentare hier im Blog,
oder via Twitter an http://twitter.com/_JennyGER_
liebe Grüße, eure Jenny

Hat der Artikel gefallen? Wenn ja, dann kannst du dich damit erkenntlich zeigen, indem du dein nächstes Buch oder eine MP3 über meine Empfehlungsseite kaufst. Vielen Dank. Wenn du mir und dir was gutes tun willst, ohne selbst Geld in die Hand zu nehmen, dann melde dich bei Utherverse an und treffe mich dort ;-)