Stellt euch mal vor, ihr habt starke Schmerzen und der Arzt sagt, "sie bilden sich die Schmerzen nur ein; die sind garnicht da". Also ich würde denken, dass der Arzt mich für dumm verkaufen will. Ähnlich ist es mit einer gewissen Folge von Inflation: Die sogenannte Teuerungsrate von Konsumentenpreisen, die ich hier im Artikel zur Vereinfachung als Inflation bezeichne, was fachlich nicht ganz korrekt, aber umgangssprachlich üblich ist. Man sagt uns, die Inflation sei gar nicht da; wir fühlen sie nur. Haben die Menschen eine gestörte Wahrnehmung; sind wir alle geisteskranke Simulanten? Die gefühlte Inflation ist da. Dies sagen immer mehr Experten. Mit den offiziellen Wirtschaftsdaten verkauft man uns für dumm.

Es ist fast schon paradox. Die Menschen klagen über einen immer größer werdenden Kaufkraftverlust ihres Einkommens. Die amtliche Statistik will uns allerdings weiß machen, dass die Inflation im Euroraum sowie in den USA stets im Zielkorridor bei ca. 2% (EWR) bzw. 4% (USA) liegt. Seit Einführung des Euro-Bargeldes vor 10 Jahren blieb die Geldentwertung laut amtlicher Statistik im Schnitt sogar stets unter den 2%. Damit liegen die Teuerungsraten deutlich unter den Zahlen der Bundesbank aus den 90er Jahren. In den USA fallen die Inflationsraten schon seit vielen Jahren auffallend moderat aus. Man will uns für dumm verkaufen: "Die Inflation ist gar nicht da, ihr fühlt sie nur!" Ich finde dieses Menschenbild mehr als verachtenswert. Die echte Teuerungsrate ist das, was den Bürgerinnen und Bürgern im Geldbeutel fehlt und keine Luftnummer. In den letzten 15 Jahren wurde die Berechnugsmethode zur Inflation mehrfach geändert. Würde man in den USA heute die Rechenmethode aus den 80er Jahren anwenden, dann hätten wir eine Inflationsrate von aktuell 11%. Auch in Deutschland gibt es Indices, die sich der Einkaufsrealität anpassen. Der schweizer Ökonom Hans-Karl Brachinger kommt auf eine Inflation von 4,5%.

Die Tricks sind eigentlich bekannt. Der Warenkorb wird quasi so zusammen gestellt, wie man ihn braucht. Die Statistiker behaupten, dass Produkte, die stark im Preis gestiegen sind, weniger nachgefragt werden und ersetzen sie durch günstigere Produkte. Steigt beispielsweise Cola um 30%, dann wird es im Warenkorb einfach mit Fanta ersetzt. Man übersieht dabei, dass Preisanstiege auch durch eine erhöhte Nachfrage entstehen. Die Kunden Fragen vermehrt nach Cola; aus dem Warenkorb würde es aber herausgenommen werden. Noch offensichtlicher geht die sog. "Interventionsbereinigung" vor. Glauben die Statistiker, dass ein Preisanstieg nur vorübergehend ist, dann wird er einfach herausgerechnet. Dies wurde oft bei steigenden Benzinpreisen so gemacht. Das Problem dabei ist, dass der Verbraucher trotzdem den höheren Preis zu bezahlen hat. Der beliebteste Trick ist die "Hedonik". Hier werden Qualitätsverbesserungen einfach heraus gerechnet und die Preise dieser Produkte fallen in der Statistik sogar. Besonders im High-Tech-Bereich ist zu sehen, dass die Produkte immer besser werden. Kein Verbraucher würde allerdings auf die Idee kommen einen Computer mit dem technischen Stand aus dem Jahr 2003 zu kaufen. Es würde hierfür gar kein Angebot geben! Bei der Berechnung des BIP macht man dies übrigens umkehrt. Wenn sich die Qualität eines Produktes verbessert, dann setzen die Statistiker dort den höheren Wert an (obwohl der Preis oft gleich bleibt). Die selbe Behörde mit zwei Rechenmethoden für die selben Produkte? Das stimmt mich irgendwie skeptisch. Würde man das BIP wie die Inflation berechnen, dann wäre es ca. 30% geringer und Deutschland hoch verschuldet (Quelle: Focus Money KW12).

Manche dieser Methoden kamen erst mit Einführung des Euros. Vor allem diesen Hedonik-Trick kannte die frühere Bundesbank noch nicht. Auch Immobilienpreise fehlen komplett. Warum verkauft uns die Politik so dreist für dumm? Die Motivation liegt klar auf der Hand: Niedrige Inflations- und hohe Wachstumsraten erhöhen das Vertrauen in Staaten. Die Bürger fühlen sich gut und die Ratings des Staates stimmen. Steigende Konsumentenpreise sind ohnehin nur eine Folge von Inflation. Manche sprechen auch von einem Symptom. Die wahre Inflation ist die ungedeckte Ausweitung der Geldmenge. Die Geldmenge M1 wurde in den USA seit 1960 im Schnitt jährlich um knapp 10% erhöht, ohne dass entsprechende Werte geschaffen wurden. Die Politiker wollen wiedergewählt werden und schönen deshalb die Zahlen. Sie verkaufen die Bürgerinnen und Bürger für dumm. Inflation ist keine Naturkatastrophe, sie ist auch keine Krankheit und auch kein Akt Gottes: Inflation ist nur eine politische Strategie. Man kann die Teuerungsraten auch als Sondersteuer sehen. Das Problem dabei ist allerdings, dass es sich um eine sehr intransparente Steuer handelt. Stellt euch vor ihr bezahlt 50% Einkommensteuer und das Finanzamt behauptet, es seien nur 40%. Die zusätzlichen 10% sind nur gefühlt. Die Wahrnehmung der Menschen funktioniert hingegen richtig gut. Der Kaufkraftverlust, den man merkt, der ist auch da! Das künstliche unten halten der Inflationsrate bringt den Herrschenden viele Vorteile! Zum einen fehlt Gewerkschaften ein wichtiges Argument für Gehaltsforderungen und zum anderen müssen Renten und Sozialleistungen nicht erheblich steigen. Die künstlich kleingerechnete Teuerungsrate ist Betrug am Bürger. Ich fordere mehr Transparenz bei der Inflations- und BIP Berechnung. Es wäre schön, wenn es eine Partei gäbe, die mehr Transparenz fordern würde. Aber so eine Partei wird es wohl nie geben.

Ich finde es nicht fair, wenn die Geldentwertung wesentlich höher ist, als offiziell bekannt gegeben wird. Bei einer Teuerung von 2% können Gewerkschaften nicht hergehen und einfach 5% mehr Lohn fordern; bei einer Inflation von 7% wäre das durchaus möglich! Auch Hartz4-Bezüge, Renten und andere Leistungen müssten bei einer höheren Inflation stärker steigen. Wenn die Renten nur um 2% steigen, die Inflation aber bei 5% liegt, dann verlieren die Rentner jährlich 3%. Nach 10 Jahren haben sie also ein Drittel weniger Einkommen, obwohl die Politik behaupten kann, dass die Renten "real" nicht gefallen seien. Das Beispiel gilt natürlich für alle Einkommen. Pervers daran ist, dass selbst laut offizieller Statistik die meisten Realeinkommen (nach Inflation) die letzten 10 bis 20 Jahre rückläufig waren, während die Unternehmenswerte und Unternehmereinkommen kräftig gestiegen sind. Legt man nun die echte, die wirkliche und realistische Geldentwertungsrate zu Grunde, dann sieht man, dass die Schere zwischen fleißig und reich noch stärker auseinander ging, als bisher vermutet. Diese soziale Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems soll durch diese (und andere) Rechenkünste versteckt werden. Mindestlöhne und mehr Sozialstaat würden das Problem nicht lösen. Die Umverteilung entsteht im Geld- und Zinssystem. Der Sozialstaat kann nur zurückverteilen, ist dabei aber höchst ineffizient und ungerecht. Besser wäre es, die Umverteilung an der Wurzel zu stoppen. Es wäre schön, wenn es eine linke Partei gäbe, die weniger Sozialstaat will. In einem System ohne ungedecktes Geld wäre der Sozialstaat fast überflüssig.

Zum weiter lesen:
- Hören Sie auf zu zocken Herr Schäuble!
- Die Ursachen: Hohe Spritpreise
- Zahlenspiele: Target-Salden


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